Alpine A310 (1971 - 1984)
Mehr gewollt, als möglich war.
Die Alpine A310 macht es mir nicht einfach. Nicht, weil sie mich nicht anspricht, sondern im Gegenteil. Sie löst schon beim ersten Ansehen Faszination und Begehrlichkeit aus. Gleichzeitig ist sie eines dieser Fahrzeuge, bei denen ich sehr genau die Gefahr spüre, enttäuscht zu werden. Sie steht da als riesiges Versprechen, das so gut wie unmöglich einzulösen ist.
Entstanden ist sie aus einem sehr klaren Wunsch. Alpine wollte mehr sein als Leichtbau. Mehr Präsenz, mehr Ernsthaftigkeit, mehr Bedeutung. Die spielerische, beinahe fragile A110 sollte wachsen – weg vom reinen Sportgerät, hin zu Grand Tourisme, hin zu einem international verstandenen Sportwagen. Die A310 sollte beweisen, dass Alpine nicht nur leicht, sondern auch groß denken kann.
Optisch löst sie dieses Versprechen mühelos ein. Der flache Keil, die breite Spur, die selbstbewusste Silhouette – die A310 steht da wie ein Sportwagen, der keine Erklärung braucht. Sie wirkt größer, ernster, erwachsener als alles, was Alpine zuvor gebaut hatte.
Technisch jedoch blieb vieles dort, wo Alpine herkam. Nicht aus Nachlässigkeit, sondern aus Grenzen. Die Mittel, die Struktur, die industrielle Tiefe reichten nicht aus, um den gewachsenen Anspruch vollständig zu tragen. Die A310 wollte mehr, als unter diesen Bedingungen möglich war. Ihre heutige Relevanz speist sich deshalb weniger aus Nutzung oder technischer Überlegenheit, sondern aus Bedeutung: aus Markenidentität, aus Haltung, aus der Rolle, die sie innerhalb der Alpine-Geschichte einnimmt.






VEHUM Score: 46 / 100
Experience: 24 / 50
Ownership: 22 / 50
Der VEHUM Score von 47 macht sichtbar, was mein Gefühl bereits angedeutet hat. Die Alpine A310 bewegt sich dauerhaft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Sie verspricht viel – emotional, gestalterisch, identitär – und fordert genau dort, wo Struktur, Reife und Alltagstauglichkeit tragen müssten.
Dass Experience und Ownership so nah beieinander liegen, ist ein klarer Hinweis auf ihre allgegenwärtige Begrenzung. Die A310 fühlt sich weder im Erleben noch im Besitz selbstverständlich oder wirklich erfüllend an. Sie verlangt Aufmerksamkeit, Nachsicht und eine gewisse Bereitschaft zur Enttäuschung.
Der Score beschreibt damit nicht das Scheitern eines Konzepts, sondern den Preis eines gewachsenen Anspruchs unter begrenzten Bedingungen. Was er jedoch nicht abbildet, ist die große Faszination und Emotion, die im Kontakt mit der A310 immer noch entstehen – egal ob im Cockpit oder beim bloßen Anblick. Selbst dann, wenn man längst weiß, dass sich das Versprechen nicht vollständig einlösen lässt.
Experience
Design: 8 / 10
Ihr Design ist die stärkste Experience-Disziplin der Alpine A310. Die Proportionen sind mutig, die Erscheinung eindeutig. Die Glasfaserkarosserie ermöglicht eine flache, beinahe kompromisslose Silhouette – eine Haltung und Formensprache, die Alpine hier konsequenter zeigt als zuvor. Das wirkt auch heute noch. Allerdings nicht als funktionales Versprechen, sondern als historisches Statement. Die A310 sieht schneller, ernster und bedeutender aus, als sie es im heutigen Kontext sein kann. Genau in dieser Differenz liegt für mich ihre Faszination: im sichtbaren Anspruch, nicht in der einlösbaren Leistung.
Drive: 6 / 10
Das Fahrgefühl der Alpine A310 entsteht aus Leichtbau, Heckmotor und einer sehr direkten Mechanik – und es zeigt sich erst wirklich dort, wo die A310 ihrem eigenen Anspruch am nächsten kommt: mit dem V6. Mit dieser Motorisierung wirkt sie lebendig, präsent, manchmal auch fordernd. Nicht roh, sondern sensibel. Sie reagiert spürbar auf Fahrwerkszustand, Abstimmung und Umgebung. Nichts wird egal. Die 6 Punkte stehen hier nicht für Schwäche, sondern für Unruhe und Anspruch. Die A310 lässt sich nicht glätten. Du fährst sie nicht nebenbei. Du bist beteiligt, immer. Diese Nähe kann begeistern, wenn du sie suchst – sie kann aber auch überfordern, wenn du sie nicht erwartest.
Tech: 2 / 10
Mit 2 Punkten zeigt sich hier die größte Distanz zur Gegenwart. Die Technik der Alpine A310 ist einfach, direkt und vollständig frei von modernen Standards. Vergaser, einfache Elektrik, keinerlei Assistenz- oder Schutzsysteme. Technik ist hier kein Komfortfaktor und kein Versprechen, sondern die reine Voraussetzung dafür, dass überhaupt Bewegung entsteht. Gerade in dieser Reduktion liegt jedoch ein Teil der puristischen Wirkung. Technik tritt zurück, Wahrnehmung tritt nach vorn. Moderne Maßstäbe greifen an dieser Stelle nicht. Und sollten sie auch nicht. Die A310 verlangt keine Interpretation über Technik – sie verlangt Akzeptanz.
Everyday: 1 / 10
Alltag findet hier praktisch nicht statt. Die Alpine A310 ist kein Fahrzeug, das man sinnvoll in Routinen integriert. Übersicht, Ergonomie, Geräuschkulisse und Materialqualität verlangen ein Maß an Toleranz, das im Alltag kaum aufzubringen ist. Nichts fühlt sich beiläufig an, nichts selbstverständlich. Wer eine A310 regelmäßig bewegt, nimmt starke Einschränkungen bewusst in Kauf – und auch die Konsequenzen für Zustand und Wert. Alltagstauglichkeit ist hier kein fehlendes Merkmal. Sie ist schlicht kein Teil des Konzepts.
Weekend: 7 / 10
Hier zeigt sich, wofür die Alpine A310 gedacht ist. Kurze Ausfahrten, gutes Wetter, klare Absicht. Dann entsteht Nähe und echte Begeisterung. Dann wird aus Aufwand Erlebnis. Die A310 funktioniert nicht nebenbei – aber sie kann belohnen, wenn man ihr den Raum lässt.
Ownership
Market: 6 / 10
Die Preise haben angezogen, besonders beim V6. Gleichzeitig bleibt der Markt überschaubar, und der Zustand eines einzelnen Fahrzeugs zählt mehr als jede allgemeine Bewegung. Die A310 ist kein Selbstläufer. Wer hier einsteigen möchte, tut das bewusst – Kauf, Haltedauer und Ausstieg verlangen Aufmerksamkeit.
Costs: 3 / 10
Die 3 Punkte bei den Kosten stehen für eine Realität, die sich kaum planen lässt. Instandhaltung ist selten günstig, ungeplante Reparaturen eher Regel als Ausnahme. Besitz bedeutet hier permanente Aufmerksamkeit – finanziell wie organisatorisch.
Care: 3 / 10
Auch die 3 Punkte in der Pflege zeigen, wie abhängig die Alpine A310 von Wissen und Netzwerken ist. Die Glasfaserkarosserie, begrenzte Ersatzteilverfügbarkeit und spezialisiertes Know-how prägen den Umgang. Werkstätten werden hier wichtiger als Ersatzteilnummern.
Legacy: 8 / 10
Im Prinzip ist dies die einzige Ownership-Kategorie, in der die A310 wirklich überzeugen kann. Ihre historische Bedeutung ist klar ausgeprägt. Die Alpine A310 ist ein zentraler Baustein der Marken- und Modellgeschichte. Motorsportnähe, Zeitgeist und Identität tragen hier stärker als technische Substanz. Und genau darin liegt ihre Legitimation.
Use: 2 / 10
Egal ob Langstrecke, Stadtverkehr oder gelegentliche Ausflüge. Eine Nutzung ist heute kaum sinnvoll. Die Alpine A310 bleibt ein Hobby- und Sammlerfahrzeug.
VEHUM Fazit
Die Alpine A310 ist kein unkomplizierter Klassiker. Für mich ist sie ein Fahrzeug, das mehr verspricht, als es je vollständig einlösen konnte – und genau darin liegt ihre Spannung. Sie will groß sein, bedeutend, erwachsen. Sie will mehr als Leichtbau, mehr als Spielzeug. Aber sie erreicht dieses Ziel nicht über Technik, Reife oder Alltagstauglichkeit, sondern über Haltung und Erscheinung. Das macht sie faszinierend – und zugleich anstrengend.
Wenn du eine A310 heute nutzt, tust du das nicht beiläufig. Sie passt nicht in Routinen, nicht in moderne Abläufe, nicht in ein Leben ohne klare Absicht. Sie funktioniert dort, wo Nutzung bewusst begrenzt ist: kurze Fahrten, gutes Wetter, Zeit und Aufmerksamkeit. Alles darüber hinaus fordert Kompromisse, Nachsicht und die Bereitschaft, Unzulänglichkeiten nicht nur zu akzeptieren, sondern auszuhalten. Besitz ist hier keine Nebensache, sondern ein fortlaufender Prozess.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt die A310 relevant. Nicht, weil sie objektiv überzeugt, sondern weil sie eine Idee verkörpert. Sie steht für einen Moment, in dem Alpine mehr wollte, als möglich war. Für einen Versuch, Größe und Bedeutung zu erreichen, ohne die eigenen Wurzeln ganz verlassen zu können. Technisch mag sie begrenzt sein. Historisch ist sie es nicht.
Die Alpine A310 ist kein Fahrzeug, das man rechtfertigen muss. Aber eines, das man erklären können sollte – vor allem sich selbst.
Hinweis zur VEHUM Einordnung
Dieser Review folgt der VEHUM-Methodik. Die Bewertung basiert auf Recherche, Marktbeobachtung und persönlicher Erfahrung. Details zur Methodik findest du hier: VEHUM Score
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