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BMW 6er E24 (1976-1989)

Der BMW 6er E24 ist kein zweitüriger 5er – sondern ein eigenständiges Coupé aus einer Zeit, in der das noch nicht selbstverständlich war.
BMW 6er E24 (1976-1989)

Warum dieser BMW keine zweitürige Limousine ist.

Über Jahrzehnte war das Coupé in der Automobilindustrie keine eigene Idee.
Es war eine Variante. Gleiche Technik, gleicher Innenraum, zwei Türen, ein flacheres Dach. Ein anderes Kleid für ein bekanntes Auto. Wirtschaftlich tragbar, für Käufer verständlich – und völlig ausreichend.

Ein eigenständiges Coupé zu entwickeln war aufwendig und riskant. Es brauchte eine eigene Karosserie, andere Proportionen, eine klare Position im Portfolio. Und vor allem brauchte es die Sicherheit, dass genügend Menschen bereit sind, ein Auto zu akzeptieren, das im Alltag unpraktischer ist als die Limousine, von der es sich bewusst entfernt.

Genau deshalb waren viele Coupés lange Zeit Ableitungen. Man erkennt sie sofort. Sie fahren sich vertraut, sitzen sich vertraut, erklären sich über das, was man bereits kennt.

Der 6er folgt dieser Logik nicht. Auch er nutzt bekannte Technik, doch er ist kein zweitüriger 5er oder 7er. Er entsteht in einer Phase, in der BMW sein Programm klar strukturiert: 3er, 5er, 7er. Wie beim 3er Coupé hätte auch hier eine Ableitung genügt.

Stattdessen positioniert BMW den 6er bewusst dazwischen. Nicht als sportlicher 5er. Nicht als luxuriöser 7er. Sondern als Gran Turismo mit eigener Silhouette und eigener Aufgabe.

Seine Proportionen, seine Sitzposition und sein Fahrcharakter sind nicht auf maximale Alltagstauglichkeit ausgelegt, sondern auf Eigenständigkeit. Und genau das spürt man bis heute.



VEHUM Score: 51 / 100

Experience: 28 / 50
Ownership: 23 / 50

Ein VEHUM Score von 51 beschreibt hier ein halbwegs gesundes Gleichgewicht aus Faszination und Verpflichtung. Die 28 Punkte in der Experience zeigen: Dieses Auto kann viel geben – über Design, Haltung und Langstreckencharakter.
Die 23 Punkte in der Ownership zeigen ebenso klar: Besitz ist Arbeit. Rost, Elektrik und altersbedingte Instandhaltung prägen die Realität.

Der 6er überzeugt nicht automatisch. Er überzeugt nur im richtigen Zustand – und im richtigen Nutzungskontext.


Experience

Design: 8/10

Die Proportionen des E24 gefallen bis heute. Lange Haube, flaches Greenhouse, klare Schulterlinie. Das Auto steht ruhig da. Es braucht keinen Spoiler, keine Lufteinlässe, keine visuelle Aggression, keine Rechtfertigung des Konzepts. Gerade im Vergleich zu vielen heutigen Coupés fällt auf, wie wenig hier überzeichnet wird.
Der 6er versucht nicht, Sportlichkeit zu demonstrieren. Er setzt sie voraus. Seine Eigenständigkeit entsteht aus Proportion, nicht aus Effekt. Wenn du um das Auto herumgehst, merkst du: Die Linie erklärt sich nicht. Sie funktioniert einfach. Er braucht keine Übertreibung, um als Coupé erkannt zu werden. Innen bleibt diese Haltung konsequent. Das Cockpit ist klar zum Fahrer gedreht, aber ohne Inszenierung. Schalter, Instrumente, Materialien – alles folgt einer erkennbaren Logik. Sichtbar analog, sichtbar 70er- und 80er-Jahre, aber nicht nostalgisch. Eher funktional. Der E24 wirkt stimmig und echt.

Drive: 6/10

Der Reihensechszylinder liefert das, was man erwartet: Drehmoment, Laufruhe, Souveränität. Besonders im 633 CSi steht weniger Spitzenleistung im Vordergrund als ein gleichmäßiger Charakter. In den Automatik-Modellen verschiebt sich das Erlebnis deutlich Richtung Cruiser. Beschleunigung wirkt nicht dramatisch, sondern kontinuierlich. Als Handschalter entsteht mehr Verbindung, mehr mechanischer Dialog – aber auch hier bleibt der Grundcharakter gelassen. Lenkung und Fahrwerk entsprechen dem Stand ihrer Zeit. Nicht unpräzise, aber auch nicht modern-direkt. In schnellen Kurven verlangt das Auto Ruhe. Wer drängt, arbeitet. Wer gleichmäßig fährt, wird belohnt. Der 6er fährt nicht wie eine sportliche Limousine mit weniger Türen. Er fährt wie ein Gran Turismo, der Strecke wichtiger nimmt als Dynamik.

Tech: 3/10

Technisch bleibt der E24 klar in der analogen Ära. Einspritzsysteme, Elektrikarchitektur und Diagnostik unterscheiden sich je nach Baujahr, doch unabhängig von der konkreten Ausführung gilt: Dieses Auto kennt keine Assistenzsysteme und keine digitale Entlastung. Fehlersuche bedeutet Erfahrung und Geduld. Infotainment im heutigen Sinne existiert nicht. Doch der technische Stand ist kein Mangel – er ist eine Realität, die man akzeptieren und mögen muss.

Everyday: 4/10

Alltag ist möglich, aber nicht selbstverständlich und heute auch alles andere als sinnvoll. Komfort ist ausreichend, Geräuschdämmung zeittypisch, Ergonomie vertraut, aber nicht intuitiv im modernen Sinn. Elektrische Verbraucher, Fensterheber oder Zentralverriegelung sind bekannte Schwachpunkte älterer Fahrzeuge dieser Ära. Ihre Funktion entscheidet über Stress oder Gelassenheit im täglichen Umgang. Sicherheitsniveau und Assistenz bleiben altersbedingt begrenzt. Im dichten Stadtverkehr wirkt der 6er fehlplatziert. Als einziges Fahrzeug im Haushalt ist er nur noch bedingt plausibel.

Weekend: 7/10

Seine Stärke zeigt der 6er auf Ausfahrten. Ruhige Autobahnetappen, Landstraßen mit gleichmäßigem Fluss – hier passt sein Charakter. Wenn Karosserie und Elektrik stabil sind, entsteht eine hohe Erlebnisdichte. Nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Mechanik, Proportion und Präsenz. Als Weekend-GT wirkt das Konzept bis heute schlüssig und macht außerordentlich viel Freude.


Ownership

Market: 6/10

Der 633 CSi ist marktseitig klar unterhalb von 635CSi und M-Varianten positioniert. Preise variieren stark nach Zustand, Originalität und Rostfreiheit. Die Nachfrage ist stabil, aber selektiv. Käufer suchen Substanz, nicht nur Modellbezeichnung.

Costs: 3/10

Die größte finanzielle Variable ist nicht der Motor, sondern die Karosserie. Rostsanierung, Blech- und Lackarbeiten können schnell Kosten verursachen, die in keinem Verhältnis zum Marktwert stehen. Elektrik-Instandsetzung ist oft zeitintensiv. Automatik-Revisionen oder Peripheriearbeiten erhöhen die Tiefe möglicher Investitionen. Der E24 ist kein günstiger Klassiker – selbst wenn der Einstiegspreis moderat erscheint.

Care: 2/10

Pflege ist kein Randthema, sondern Grundbedingung. Schweller, Unterboden, Aufnahmepunkte und Drainagen gehören zu den bekannten Problemzonen. Elektrik erfordert systemisches Denken. Kontakte, Sicherungen, Kabel – vieles ist reparierbar, aber selten schnell gelöst. Regelmäßige Wartung, Dichtungen, Ventilspiel, Peripherie – all das verlangt Aufmerksamkeit.

Legacy: 8/10

Der E24 ist als BMW-Flaggschiff-Coupé historisch klar verankert. Seine Silhouette prägt das Bild des großen BMW-Coupés bis heute. Unabhängig von Motorisierung oder Ausstattung steht er für eine Phase, in der BMW Luxus und Fahrdynamik neu kombinierte. Legacy entsteht hier weniger aus Leistungsdaten als aus Form und Position.

Use: 4/10

Nutzung bleibt stark zustands- und wetterabhängig. Salz und Winterbetrieb erhöhen das Rostrisiko erheblich. Zuverlässigkeit im Sinne „einsteigen und vergessen“ ist nicht gegeben. Der 6er verlangt Beobachtung und Pflege. Als Reise- und Wochenendfahrzeug plausibel. Als tägliches Arbeitsgerät nur mit klarer Bereitschaft zu Aufwand und Wertverlust.


VEHUM Fazit

Der BMW 6er E24 ist nicht deshalb relevant, weil er objektiv besser war als andere Coupés seiner Zeit. Er ist es, weil er konsequent war. Er zeigt, dass ein Coupé mehr sein kann als eine elegante Variante einer Limousine – nämlich ein eigenständiges Konzept mit eigener Aufgabe.

Wenn du heute verstehen willst, warum viele moderne Coupés lauter auftreten, stärker inszenieren und ihre Andersartigkeit betonen müssen, dann ist der E24 kein nostalgischer Gegenentwurf. Er ist ein Bezugspunkt. Für dich. Nicht als Ideal, sondern als Erinnerung daran, dass Eigenständigkeit nicht zwingend Überzeichnung bedeutet.

Der 6er wirkt ruhig, weil er sich nie erklären musste. Er wirkt fordernd im Besitz, weil Eigenständigkeit Konsequenzen hat. Genau darin liegt seine heutige Relevanz: nicht als perfektes Coupé, sondern als klares Beispiel dafür, was passiert, wenn ein Hersteller das Coupé als eigene Idee ernst nimmt.

Und genau deshalb nimmt der E24 aus VEHUM-Perspektive eine besondere Rolle ein: als früher Beleg dafür, dass konzeptionelle Eigenständigkeit wichtiger sein kann als technische Exklusivität.


Hinweis zur Einordnung

Dieser Review folgt der VEHUM-Methodik. Die Bewertung basiert auf Recherche, Marktbeobachtung und persönlicher Erfahrung. Details zur Methodik findest du hier: VEHUM Score.