4 min read

Range Rover 4.4 TDV8 (2010-2012)

Der Range Rover L322 entstand in einer Zeit, in der Größe noch keine Rechtfertigung brauchte. VEHUM ordnet ihn als Referenz der klassischen Range-Rover-Idee ein.
Range Rover L322

Als Größe noch keine Rechtfertigung brauchte.

Wenn ich heute auf alle Range-Rover-Generationen zurückblicke, wirkt der L322 wie ein Fixpunkt. Nicht, weil er moderner oder effizienter wäre als seine Nachfolger, sondern weil er aus einer Zeit stammt, in der Größe noch selbstverständlich sein durfte.

Für viele Enthusiasten gilt die dritte Generation der britischen Ikone als der Gipfel der Range-Rover-Idee. Vor allem in ihrer späten Ausprägung ab 2010, mit dem 4.4 TDV8, verdichtet sich hier vieles von dem, was Range Rover über Jahre ausgezeichnet hat – Raum, Kraft, Ruhe und eine selbstverständliche Souveränität.

Die Generationen davor hatten bereits die Haltung, aber noch nicht die technischen Mittel, um sie dauerhaft einzulösen. Die Generationen danach sind objektiv besser, schneller und effizienter – stehen jedoch unter einem stetig wachsenden Rechtfertigungsdruck.

Der L322 liegt genau dazwischen. Er ist der Punkt, an dem sich die klassische Range-Rover-Idee erstmals vollständig materialisiert. Kein Experiment mehr, kein Kompromiss – sondern ein funktionierendes Ganzes.

Und genau deshalb lohnt es sich, ihn heute unter die VEHUM-Lupe zu nehmen.



VEHUM Score: 62 / 100

Experience: 36 / 50
Ownership: 26 / 50

Ein VEHUM-Score von 62 ordnet den Range Rover L322 nüchtern ein. Er steht für ein außergewöhnlich starkes Erlebnis bei spürbaren Einschränkungen im Besitz.

Im Fahren vermittelt der L322 eine Souveränität, die heute selten geworden ist.
Nicht durch Dynamik oder Technik, sondern durch Ruhe, Kraft und das Gefühl, allem gewachsen zu sein. Diese Qualität hat Konsequenzen.

Der L322 passt heute nicht mehr selbstverständlich in seine Zeit. Er ist nicht effizient, nicht leicht, nicht digital gedacht. Aber er ist ein Fahrzeug, das die klassische Range-Rover-Idee vollständig einlöst – bevor begonnen wurde, diese Idee in Kompromisse zu übersetzen.

Wo dieses Konzept im Erlebnis überzeugt – und wo es im Alltag und im Besitz Grenzen setzt – zeigt die folgende Bewertung.


Experience

Design: 8 / 10
Der L322 ist formal klar, ruhig und selbstbewusst. Er wirkt nicht aggressiv, nicht modisch, nicht bemüht. Gerade deshalb altert er besser als viele neuere Generationen. Innen überzeugt er mit echter Materialität, verliert aber je nach Zustand sichtbar an Würde.

Drive: 8 / 10
Der 4.4 TDV8 passt sehr stimmig zum Charakter des Fahrzeugs. Hohes Drehmoment, geringe Anstrengung und ein ruhiger 8-Gang-Automatikcharakter prägen das Fahrerlebnis. Der L322 fährt nicht dynamisch, sondern souverän –
nicht als Einschränkung, sondern als bewusste Ausrichtung.

Tech: 6 / 10
Die Technik des L322 ist funktional, aber spürbar gealtert. Infotainment, Bedienlogik und Elektronik wirken aus heutiger Sicht wenig intuitiv und können im Alltag frustrieren. Gleichzeitig bleibt Technik stets im Hintergrund.
Sie unterstützt das Fahrerlebnis, dominiert es aber nie – was zugleich Stärke und Schwäche ist.

Everyday: 6 / 10
Im urbanen Alltag steht der L322 sichtbar quer zu heutigen Anforderungen.
Größe, Gewicht und insbesondere der Verbrauch widersprechen einem Umfeld, das auf Effizienz und kurze Wege ausgerichtet ist. Diese Diskrepanz wirkt sich auf Kosten, Wartung und Verschleiß aus. Übersicht, Komfort und die hohe Sitzposition erleichtern den Alltag zwar, ändern jedoch nichts daran, dass der L322 hier gegen seine eigene Idee genutzt wird.

Weekend: 8 / 10
Hier ist der L322 in seinem Element. Lange Strecken, Reisen, schlechtes Wetter, Gelände oder Anhängerbetrieb meistert er mit einer Mühelosigkeit, die heute selten geworden ist. Im Vergleich zu anderen großen Fahrzeugen seiner Zeit vermittelt er dabei in nahezu jeder Situation außergewöhnlich viel Ruhe bei gleichzeitiger Präsenz. Ob im Sand, auf Schnee, auf der Autobahn oder vor der Oper – der L322 bleibt gelassen und unaufgeregt, während andere Konzepte bereits Anstrengung zeigen.


Ownership

Market: 6 / 10
Der Markt für den L322 ist attraktiv, aber risikobehaftet. Die Preisspreizung ist groß, der Zustand entscheidend. Gute Fahrzeuge sind vergleichsweise selten, problematische zahlreich. Ein niedriger Einstiegspreis geht häufig mit erheblichem Wartungs- und Instandsetzungsbedarf einher.

Costs: 3 / 10
Verbrauch, Verschleiß und Reparaturen sind beim L322 kein Randthema. Luftfederung, Nebenaggregate und Elektrik können regelmäßig hohen finanziellen Aufwand verursachen. Der L322 ist kein günstiges Fahrzeug – auch dann nicht, wenn der Kaufpreis zunächst etwas anderes suggeriert.

Care: 4 / 10
Der 4.4 TDV8 gilt als solide, bleibt jedoch technisch komplex. Wartungsdisziplin ist entscheidend. Ohne belastbare Historie, Fachkenntnis und ausreichende Rücklagen wird der Erhalt schnell anspruchsvoll.

Legacy: 7 / 10
Der L322 markiert einen Wendepunkt in der Geschichte des Range Rover. Er steht für eine Phase, in der Luxus noch nicht legitimiert werden musste. Seine Bedeutung liegt weniger im Sammlerwert als in seiner Funktion als Referenz – für eine Idee von Größe, Ruhe und Selbstverständlichkeit, die heute kaum noch existiert.

Use: 6 / 10
Ist der L322 in gutem Zustand, lädt er zur regelmäßigen Nutzung ein. Treten Probleme auf, entsteht schnell Zurückhaltung. Der Nutzwert bleibt hoch – aber nur für Besitzer, die den Aufwand akzeptieren und bewusst in Kauf nehmen.


VEHUM Fazit

Der Range Rover L322 ist nicht der beste Range Rover, weil er alles richtig macht. Er ist es, weil er der vollständigste ist.

Die Generationen davor hatten diese Souveränität im Anspruch. Die Generationen danach stehen unter dem Druck, sie erklären zu müssen. Der L322 durfte sie einfach leben.

Wer ein Fahrzeug sucht, das sich modern erklären lässt, wird hier nicht fündig.
Wer hingegen ein Auto möchte, das Ruhe, Überblick und Autorität ausstrahlt – und bereit ist, den Preis dafür zu zahlen – findet im L322 den klarsten Ausdruck der klassischen Range-Rover-Idee.

Nicht perfekt.
Nicht vernünftig.
Aber in sich vollständig.


Hinweis zur Einordnung

Dieser Review folgt der VEHUM-Methodik. Die Bewertung basiert auf Recherche, Marktbeobachtung und persönlicher Erfahrung. Details zur Methodik findest du hier: VEHUM Score